Zur Person Tönnies

  1. Kindheit und Jugend (1855–1872)
  2. Studium der Philologie bis zur Promotion (1872–1877)
  3. Studium der Philosophie bis zur Habilitation (1877–1881)
  4. Knapp drei Jahrzehnte als Privatdozent (1881–1908)
  5. Professor in Kiel (1908–1916)
  6. Geheimrat und freier Publizist (1916–1921)
  7. Lehrbeauftragter für Soziologie in Kiel (1921–1933)
  8. Letzte Jahre im Nationalsozialismus (1933–1936)

Ferdinand Tönnies (* 26. Juli 1855 bei Oldenswort; † 9. April 1936 in Kiel) war ein deutscher Soziologe, Nationalökonom und Philosoph. Mit seinem 1887 erschienenen Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft wurde er zum Begründer der Soziologie in Deutschland. Schon als Schüler war er Korrekturgehilfe des Dichters Theodor Storm, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Bereits mit 16 Jahren machte er Abitur in Husum, mit 22 Jahren wurde er mit einem philologischen Thema in Tübingen promoviert. Im Alter von 25 Jahren habilitierte er sich mit einer Arbeit über Leben und Werk des Thomas Hobbes an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Dieser Universität blieb er zeitlebens als Hochschullehrer verbunden, anfangs 27 Jahre als Privatdozent, weil die Ernennung zum Professor von der preußischen Kultusbürokratie blockiert wurde. Von 1909 bis 1933 war Tönnies Professor in Kiel, seit 1916 als Emeritus. 1921 übernahm er einen Lehrauftrag für Soziologie, der 1933 mit seiner Entlassung aus dem Beamtenverhältnis durch die nationalsozialistischen Machthaber endete. Zudem war er von 1909 bis 1933 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. In der Weimarer Republik war Tönnies die repräsentative Figur der deutschen Soziologie, sein Buch Gemeinschaft und Gesellschaft wurde zum Bestseller. Der von ihm erarbeitete Gemeinschaftsbegriff wurde jedoch von Jugendbewegung und Nationalsozialisten missbräuchlich verwendet und mit der Bezeichnung Volksgemeinschaft verfälscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es in der deutschen Soziologie still um Tönnies. Erst ab 1980 schuf die Kieler Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft mit ihrem Präsidenten Lars Clausen neue Perspektiven der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihrem Namensgeber.

Tönnies’ soziologisches System ist deshalb schwierig zu erschließen, weil mit Begriffsverwendungen operiert wird, die nicht denen der aktuellen Sozialwissenschaft entsprechen. Allgemeine Soziologie meint bei Tönnies jede wissenschaftliche Analyse von Menschen in Raum und Zeit, unter Einbeziehung von Biologie und Psychologie. Seine Spezielle Soziologie umfasst das, was heute dem Fach Soziologie insgesamt entspricht und nicht dem, was mit Spezieller Soziologie gemeint ist. Spezielle Soziologie differenzierte Tönnies in reine, angewandte und empirische Soziologie. Später fügte er seiner Systematik noch praktische Soziologie hinzu. Die Reine Soziologie besteht ausschließlich aus Gedankenkonstruktionen (Normalbegriffen), seine Angewandte Soziologie nutzt die Begriffe der Reinen Soziologie für das Verständnis gegenwärtiger Zustände und großer historischer Wandlungen, die empirische Soziologie beruht auf Beobachtung und Vergleich der wirklichen Erscheinungen des sozialen Lebens. Mit Praktischer Soziologie schließlich meint Tönnies politische Interventionen auf sozialwissenschaftlicher Grundlage, wie etwa seine Publikationen zum Hamburger Hafenarbeiterstreik 1896/97. Tönnies’ Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft ist eines der Reinen Soziologie, seine Kritik der öffentlichen Meinung eines der Angewandten Soziologie. Sein Alterswerk Geist der Neuzeit ebenfalls. Tönnies’ soziologisches Werk ist voluntaristisch und kann als Soziologie des Willens bezeichnet werden.

Kindheit und Jugend (1855–1872)

Tönnies war der einzige Soziologe seiner Generation, der vom Lande stammte. Er wurde am 26. Juli 1855 als drittes Kind des Kirchenvorstehers und Landwirts August Ferdinand Tönnies (1822–1883) und dessen Ehefrau Ida Frederica (geb. Mau, 1826–1915) auf dem Haubarg „De Riep“ bei Oldenswort auf der Halbinsel Eiderstedt im damals noch dänischen Herzogtum Schleswig geboren und erhielt den Taufnamen Ferdinand Julius. Die Eltern hatten sieben Kinder, vier Söhne und drei Töchter. Der Vater entstammte einem Eiderstedter Bauerngeschlecht, das es mit Pferde- und Rinderzucht zu Wohlstand gebracht hatte, der den Nachkommen jahrzehntelang Unterstützung und finanzielle Unabhängigkeit sicherte. Die Mutter kam aus einer ostholsteinischen Theologenfamilie.

Ab seinem fünften Lebensjahr, 1860, besuchte Ferdinand Tönnies die Kirchspielschule Oldenswort, an der seine beiden älteren Brüder bereits unterrichtet wurden. Da er schon lesen konnte, kam er direkt zu seinem Bruder Wilhelm in die zweite, mittlere, Klasse. 1863 ließ der Vater ein Schulzimmer im Haubarg einrichten, in dem die Kinder von einem Hauslehrer unterwiesen wurden. Da der Hauslehrer, ein junger Theologe, nach einem Jahr eine Predigerstelle in Breitenburg annahm und ein Nachfolger für ihn nicht zu finden war, setzten Ferdinand und seine älteren Brüder ihre Ausbildung ab Januar 1865 an der Husumer Gelehrtenschule fort. Quartier nahmen sie bei einem Kolonialwarenhändler am Husumer Markt, zum Mittagessen gingen sie in die Wohnung des Amtmannes, eines Onkels, im Husumer Schloss. Doch schon im Mai 1865 wohnten sie wieder mit den Eltern und den jüngeren Geschwistern zusammen. August Tönnies hatte den Hof „De Riep“ verpachtet und das „Kavaliershaus“, ein ehemaliges Gästehaus des Husumer Schlosses, gekauft, das von den Husumern fortan „Tönnies-Haus“ genannt wurde. Damit wohnte die Familie in direkter Nachbarschaft der Grafenfamilie Reventlow, deren Oberhaupt Ludwig Graf zu Reventlow 1868 erster preußischer Landrat des Kreises Husum wurde. Mit dessen Töchtern Fanny und Agnes freundete sich Ferdinand an.

1869 ergab sich für den 14-jährigen Ferdinand bei einem Hausbesuch, der eigentlich dem ältesten Sohn des Husumer Amtsrichters und Dichters Theodor Storm galt, eine nähere Bekanntschaft mit dem 52-jährigen Hausherrn, der den Gymnasiasten zum Korrekturgehilfen für das von ihm herausgegebene „Hausbuch aus deutschen Dichtern seit Claudius“ machte. Daraus wurde eine vertraute Freundschaft, die bis zum Tode Storms Bestand hatte. In einem Brief an Gottfried Keller schrieb Storm über Tönnies: „Nächst, seinerzeit, Theodor Mommsen, ist er der bedeutendste junge Mann, den ich in meinem Leben gefunden habe, und dabei ein Junge, ich weiß nicht ob ‚nach dem Herzen Gottes‘, aber jedenfalls nach dem meinen; der Intimus meines Juristen und voll treuer Liebe für mich.“ Mit dem Juristen war Ernst Storm, der zweitälteste Sohn, gemeint, mit dem Tönnies seit 1878 befreundet war.

Der Einfluss, den der Dichter auf die Persönlichkeitsentwicklung und das Denken des jungen Tönnies nahm, war mannigfaltig. Besonders Storms Einstellung zu Recht und Gerechtigkeit war prägend. Intensive Gespräche über Kunst und Literatur ließen Tönnies lange zögern, sich für eine Zukunft als Literat oder als Wissenschaftler zu entscheiden. Noch aus späteren Jahren liegen Gedichte von ihm vor.

Bereits mit 16 Jahren bestand er die Abiturprüfung mit den Fremdsprachen Latein, Griechisch, Hebräisch, Englisch, Französisch und Dänisch. Ein Mitglied der Königlichen Prüfungs-Commission hielt fest, dass er noch nie ein so schönes Abiturzeugnis unterschrieben habe. Bei der Entlassungsfeier in der Aula der Gelehrtenschule, am 23. März 1872, hielt Tönnies einen Vortrag über die Reformation im Elsass. Auf dieses Referat hatte er sich auf dem Gut Hagen eines Onkels vorbereitet. Dabei nutzte er zum ersten Mal die Kieler Universitätsbibliothek.

Studium der Philologie bis zur Promotion (1872–1877)

Im April 1872 machte sich Tönnies, mit einem Empfehlungsschreiben Storms an den Sprachwissenschaftler Friedrich Max Müller versehen, der dort Gastprofessor war, auf den Weg nach Straßburg. Er wollte aus patriotischen Motiven an der im selben Jahr neugegründeten Kaiser-Wilhelm-Universität sein Studium beginnen, verließ die Stadt jedoch nach wenigen Tagen (von denen er einige in einem Zelt übernachten musste, weil es noch nicht genügend Unterkünfte gab), ohne sich immatrikuliert zu haben. Die Situation in Straßburg war ihm zu provisorisch. Weil er erfahren hatte, dass sein Vetter Friedrich Mau (1850–1919) in Jena studierte, begann er sein Studium der Philologie und Geschichte im Sommersemester 1872 an der dortigen Universität. Außerdem wurde er in der Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller aktiv, der er bis zu seinem Tode verbunden blieb. Nach drei Semestern wechselte Tönnies für ein Semester an die Universität Leipzig und dann für eines an die Universität Bonn und kehrte zum Wintersemester 1874/75 nach Jena zurück, belegte aber nur eine Vorlesung („Über Telegraphie“) und leistete gleichzeitig die erste Hälfte seines Wehrpflichtjahres im Füsilierbataillon des Infanterie-Regiments „Großherzog von Sachsen“ ab. Im folgenden Sommersemester war er nicht immatrikuliert und ließ sich auch vom Militärdienst beurlauben; er hatte sich während einer Kneipe seiner schlagenden Studentenverbindung am Kopf verletzt. Während seines Genesungsurlaubs an der Nordsee wurde er „zur Disposition“ aus dem Militär entlassen. Aus dem Sommer 1875 stammt die erste Publikation Tönnies’ – unter seinem zweiten Vornamen Julius verfasste er eine Verteidigung von Burschenschaft und Couleurwesen, die er nachträglich eine „ziemlich gehaltlose“ nannte.

Im Wintersemester 1875/76 setzte Tönnies sein Studium an der Universität Berlin fort, dort besuchte er unter anderem zwei Vorlesungen („Erkenntnislehre“, „Kants Kritik der reinen Vernunft“) des Privatdozenten für Philosophie, Friedrich Paulsen, der aus dem nordfriesischen Langenhorn stammte. Aus diesem Kontakt resultierte eine tiefe Freundschaft, die über 30 Jahre bis zu Paulsens Tod 1908 währte und durch intensiven Briefwechsel dokumentiert ist.

Zum Sommersemester wechselte Tönnies an die Universität Kiel, ging dann wieder für ein Semester nach Berlin und wechselte schließlich zum Sommersemester 1877 an die Universität Tübingen. Dort wurde er im Juni mit einer lateinischen Dissertationsschrift über das Orakel des Ammon in der ägyptischen Oase Siwa („De Jove Ammone quaestionum specimen“) zum Dr. phil. promoviert. Das Thema der Arbeit hatte Ernst Curtius angeregt, Doktorvater war Ludwig von Schwabe. Damit hatte der knapp 22-jährige Tönnies die altphilologische Phase seines Studiums abgeschlossen, erkennbare Impulse für sein späteres Denken hatte sie ihm laut seinem Biographen Uwe Carstens nicht gegeben.

Studium der Philosophie bis zur Habilitation (1877–1881)

Nach abgeschlossener Promotion überdachte Tönnies sein Berufsziel und strebte nun nicht mehr eine Tätigkeit als Gymnasiallehrer, wie er es unter Einfluss Paulsens erwogen hatte, sondern eine Universitätskarriere an. Auch von philologischen Studien verabschiedete er sich und wandte sich der Philosophie mit besonderem Blick auf ökonomische und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge zu. Den Winter 1877/78 verbrachte er mit Selbststudium im Husumer Elternhaus. Er las Schriften von Thomas Hobbes, Adam Smith, David Ricardo und anderen, auch den damals noch einzigen ersten Band Das Kapital von Karl Marx, kam aber immer wieder auf Hobbes zurück. Um mehr über den englischen Denker zu erfahren, reiste er 1878 für zehn Wochen nach England, wo er bei seinem Bruder Gert Cornis Johannes Tönnies wohnte, der in London ein kaufmännisches Korrespondenzbüro leitete. Er recherchierte im Lesesaal des British Museum und saß nur wenige Meter vom in seine Studien vertieften Karl Marx entfernt, sprach ihn aber nicht an. Dort und bei Nachforschungen in anderen Archiven entdeckte er wichtige Hobbes-Handschriften, die seit Jahrhunderten nicht ausgewertet worden waren.

Nach seiner Rückkehr aus England verbrachte Tönnies das Wintersemester 1878/79 in Berlin, wurde Mitglied des „Statistischen Seminars“ der Universität, nahm an Übungen bei Adolph Wagner teil und hörte Vorlesungen von Ernst Engel und Richard Böckh. Regelmäßig traf er sich in diesem Semester mit seinem Freund Friedrich Paulsen. Den Sommer 1879 verbrachte er wieder in Husum. Dort schrieb er seine „Anmerkungen über die Philosophie des Hobbes“, die auf Vermittlung Paulsens in vier Teilen (1879–1881) in Richard Avenarius’ Züricher „Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie“ veröffentlicht wurden.

Im Winter 1879/80 ging Tönnies an die Universität Leipzig, weil er sich bei Wilhelm Wundt habilitieren wollte. Er hörte bei Wundt eine Vorlesung zur Psychologie, trieb aber hauptsächlich seine sozialwissenschaftlichen Studien voran und beschäftigte sich zunehmend mit den Hauptautoren des rationalistischen Naturrechts wie Samuel von Pufendorf, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant und anderen. Aus der Verbindung seiner Hobbes-Forschung mit der Nationalökonomie, dem Naturrecht und der vergleichenden Rechtsgeschichte entwickelten sich zu dieser Zeit die Grundgedanken seines Hauptwerkes. Laut Carstens lässt sich mit dem Jahr 1879 der Beginn der Entstehungsgeschichte von Gemeinschaft und Gesellschaft fixieren.

Die Habilitation bei Wundt zerschlug sich, denn dessen Ehefrau war mit Tönnies verwandt und er wollte nicht in den Verdacht der Vetternwirtschaft geraten. Nach einer seiner wiederholten Trinkkuren in der Schweiz, mit denen er seine Migräne milderte, kehrte er ins Husumer Elternhaus zurück. Dort arbeitete er an seinem Hauptwerk weiter. Hier erhielt er, wiederum auf Vermittlung Paulsens, eine Nachricht des Kieler Professors Benno Erdmann, der die Möglichkeit einer Habilitation mit den Hobbes-Arbeiten sah. Tönnies verzögerte das Vorhaben – er wollte erst ein Manuskript seines Hauptthemas vorlegen können, um die Habilitation damit zur erreichen. Im Frühjahr 1881 legte er Erdmann das Fragment von „Gemeinschaft und Gesellschaft“ als Habilitationsschrift vor. Sie bestand aus einer Einleitung und drei Kapiteln und enthielt bereits die wesentlichen Gedanken des späteren Hauptwerkes. Erdmann aber veranlasste die Fakultät, die bereits im Druck vorliegenden „Anmerkungen über die Philosophie des Hobbes“ als Habilitationsschrift anzunehmen. In der Habilitationsurkunde wurde jedoch vermerkt, dass zusätzlich „Gemeinschaft und Gesellschaft. Theorem der Cultur Philosophie“ vorgelegen habe.

Die Probevorlesung vor der Fakultät im Juni 1881 hatte „Platons Staat“ zum Thema. Damit wurde Tönnies kurz vor seinem 26. Geburtstag Privatdozent. Er blieb es 27 Jahre.

Knapp drei Jahrzehnte als Privatdozent (1881–1908)

Kiel, Hamburg, Altona (1881–1901)

Ab Beginn seiner Privatdozentur spürte Tönnies, der nun meist in Kiel zur Untermiete wohnte, Unlust an den damit verbundenen Lehrverpflichtungen, weil er lieber allein forschte als lehrte. Mehrfach musste ihn sein Freund Paulsen ermahnen, Lehrveranstaltungen anzubieten, von denen der Erhalt des Privatdozenten-Status abhing. Seine erste Vorlesung an der Universität Kiel hielt er im Sommersemester 1882 über Naturrecht, vor acht Studenten, außerdem bot er eine Übung über das erste Buch der Politeia an. Das Interesse an seiner Lehre änderte sich im darauffolgenden Wintersemester kaum, seine Vorlesung über Spinozas Ethik fand größtenteils in seinen Privaträumen statt, eine angekündigte Übung über Platons Protagoras scheiterte an mangelnder Nachfrage.

Lieber unternahm er ausgedehnte Reisen, wie im Sommer 1883, in die Schweizer Berge, wo er sich mit den Nietzsche-Vertrauten Paul Rée und Lou Salomé eine Hütte teilte und sich unerwidert in Salome verliebte. Ähnlich war es ihm vorher bereits mit den Reventlow-Schwestern Fanny und Agnes ergangen. Umgekehrt war es mit der Storm-Tochter Gertrud (1865–1936), wovon Tönnies erst als Greis erfuhr, als ihm ein in den USA tätiger Germanistikprofessor einen Brief zur Verfügung gestellt hatte, in dem sie ihre Liebe zu ihm schilderte. Nach der Zurückweisung durch Salome zog sich Tönnies gekränkt nach Sils Maria zurück, wo ihm mehrfach Friedrich Nietzsche begegnete.

Trotz der Mahnungen Paulsens verbrachte er den Winter 1883 in Husum und arbeitete an „Gemeinschaft und Gesellschaft“. Im Frühjahr 1884 trat er seine zweite Reise nach England an, um einen Verleger für die Editionen der zwei von ihm wiederhergestellten Werke von Hobbes zu finden. Das gelang in Oxford, weitete sich aber wegen der Unzuverlässigkeit des Verlegers zu einer langwierigen und lästigen Angelegenheit, die weitere England-Reisen erforderte, aus. „Thomas Hobbes – Behemoth or the Long Parliament“ und „Thomas Hobbes – The Elements of Law – Natural and Politic“ erschienen erst fünf Jahre später in London.

Im Sommersemester 1885 kam er an der Kieler Universität seiner Lehrverpflichtung nach und bot eine Vorlesung über „Sozialwissenschaft und Rechtsphilosophie“ an. 1886 begleitete er das Ehepaar Storm auf einer Reise nach Weimar, im Spätsommer reiste er dann wegen der Editionsangelegenheit wieder nach London, recherchierte aber auch wieder im British Museum und fand das Original eines Briefes, den Gottfried Wilhelm Leibniz 1670 an Hobbes geschrieben hatte. Es sollte nicht seine letzte Hobbes-Entdeckung sein; in der Pariser Nationalbibliothek fand er 1888 die „Siebzehn Briefe des Thomas Hobbes an Samuel Sorbière“.

Nach siebenjähriger Arbeit am Manuskript erschien Ende Juli 1887 „Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Culturformen“. Das Buch wurde kaum beachtet, es wurden weniger als 400 Exemplare verkauft. Einige Rezensionen erschienen dann doch, etwa von seinem Freund Friedrich Paulsen, vom dänischen Philosophen Harald Høffding, mit dem Tönnies ebenfalls befreundet war, von Rudolf Eucken, Gustav Schmoller und auch Émile Durkheim.

Um seine Position als Privatdozent nicht zu gefährden, hielt er im Sommersemester 1888 wieder eine Vorlesung. Während dieses Semesters starb sein Freund Theodor Storm. Im Winter begann Tönnies mit empirischen Untersuchungen der Kriminalität und sammelte dabei unter anderem Material aus Personalakten und in persönlichen Gesprächen mit Inhaftierten des Zuchthauses in Rendsburg. Aufgrund seiner Arbeiten zur Kriminalstatistik und seiner Delinquenzforschung wurde er in den folgenden Jahren zunehmend als Gutachter bestellt.

Im Wintersemester 1890/91 verlegte Tönnies den Schwerpunkt der von ihm angebotenen Lehrveranstaltungen auf staatswissenschaftliche und ökonomische Themen. Inzwischen litt er an seinem akademischen Status und schrieb im Dezember an Paulsen: „Man läuft herum wie ein Student, der es nicht zum Referendar bringen kann.“ Ende des Jahres 1891 wurde ihm dann vom preußischen Kultusministerium das Professoren-Prädikat verliehen. Trotzdem blieb er Privatdozent, es handelte sich um eine Titularprofessur. 1892 zerschlug sich die Chance auf eine außerordentliche Professur (mit Aussicht auf eine spätere Übernahme des Lehrstuhls von Wilhelm Seelig) an der von Friedrich Althoff gestellten Bedingung, dass Tönnies seine Beteiligung an der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur unwiderruflich aufgab. Das lehnte er ab. Er war Gründungsmitglied dieser erst im selben Jahr gegründeten Vereinigung. Ihr Hauptziel war es, eine von religiösen Vorstellungen losgelöste Morallehre zu entwickeln. Althoff, einflussreicher und eigenwilliger Universitätsreferent des preußischen Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, sollte der akademischen Karriere Tönnies’ noch mehrfach im Wege stehen, wohl auch wegen dessen bekannter Skepsis gegenüber der preußischen Administration des Kaiserreichs. In einem Gespräch mit Max Weber soll Althoff geäußert haben, Huren und Professoren könne er sich an jeder Straßenecke kaufen, nur Ferdinand Tönnies nicht.

Im Juli 1893 verlobte sich Tönnies mit der zehn Jahre jüngeren Marie Sieck (1865–1937), die er als Haushälterin und Gesellschafterin einer seiner Kieler Wohnungs-Vermieterinnen kennengelernt hatte. Marie war die Tochter eines Pächters aus dem ostholsteinischen Kirchnüchel. Am 22. Mai 1894 wurde das Paar in Kiel standesamtlich getraut, am Tag darauf kirchlich. Die Hochzeitsfeier fand im historischen Gasthof „Voßhaus“ in Eutin statt. Bald darauf zog Tönnies mit seiner Frau von Kiel nach Hamburg, wo das Ehepaar in einer bescheidenen Etagenwohnung im Stadtteil Uhlenhorst lebte. Der Kieler Universität blieb Tönnies als Privatdozent weiter verbunden, obwohl von ihm angekündigte Vorlesungen nicht immer zustande kamen.

Obwohl nun verheiratet, setzte er seine intensiven Reisetätigkeiten fort, immer ohne seine Ehefrau (die einzige Ausnahme gab es erst 1924 mit einer gemeinsamen Italienreise, die mit einer Kongressteilnahme in Rom verbunden war). Im Juni 1894 nahm er an einem Kongress in London teil und besuchte bei dieser Gelegenheit Friedrich Engels. Im Oktober beteiligte er sich auf eigene Initiative und eigene Kosten am Gründungskongress des Internationalen Instituts für Soziologie in Paris. Er war von René Worms persönlich eingeladen worden. Seine auf dem Kongress gewonnenen Erkenntnisse schilderte er in einem Artikel der Wiener Wochenschrift Die Zeit. In den Jahren 1895 und 1896 stellte Tönnies drei seiner wichtigsten Publikationen fertig: die Preisschriften „Die Tatsache des Wollens“ (erst posthum veröffentlicht) und „Philosophische Terminologie in psychologisch-soziologischer Absicht“ sowie die Monographie „Hobbes. Leben und Lehre“.

Im November 1896 begann der große Hamburger Hafenarbeiterstreik, Tönnies stellte sich bald auf die Seite der Streikenden, unterzeichnete im Januar 1897 gemeinsam mit Otto Baumgarten, Friedrich Naumann und anderen den „Professoren-Aufruf“. Tönnies entging einem Disziplinarverfahren des preußischen Kultusministeriums nur knapp, der aus alphabetischen Gründen als erster aufgeführte Baumgarten hatte nicht so viel Glück. Auf das Ende des Streiks im Februar 1897 reagierte Tönnies mit zwei Zeitschriftenartikeln und dem Buch „Die Wahrheit über den Streik der Hafenarbeiter und Seeleute in Hamburg 1896/97“. Dieses politische Engagement minderte seine beruflichen Aufstiegschancen, seine Bewerbung auf eine Professur für Nationalökonomie an der Universität Zürich blieb erfolglos.

Aus privaten Vorträgen, die er in Hamburg hielt, ging Ende 1897 die kleine Schrift „Der Nietzsche-Kultus“ hervor, laut Uwe Carstens die erste soziologische Auseinandersetzung mit Nietzsche. Darin würdigt er die rhetorisch glanzvollen Gedanken des Philosophen, bezweifelt aber deren Realitätswert: „Fürwahr, es hat nicht viel auf sich.“

Am 31. Januar 1898 wurde das erste Kind des Ehepaars geboren und auf den Namen Gerrit Friedrich Otto getauft. Bald darauf zog die Familie nach Altona, damals noch eine selbstständige holsteinische Stadt. Von dort aus gelang Tönnies die Gründung einer Hamburger Abteilung der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur. Im April 1899 besuchte er den befreundeten Harald Høffding in Kopenhagen. Laut Carstens hatte sich Høffding als erster Wissenschaftler ernsthaft mit „Gemeinschaft und Gesellschaft“ beschäftigt.

In Altona wurde am 14. Februar 1900 das zweite Kind der Eheleute Tönnies geboren, Franziska Maja Hedwig Elisabeth. Im Frühjahr folgte der Umzug nach Eutin.

Zwanzig Jahre in Eutin (1901–1921)

In der Eutiner Auguststraße mietete Tönnies für ein Jahr das Obergeschoss eines Hauses mit Garten, kaufte dann aber das ganze Haus. Die Universität Kiel, an der der Privatdozent weiterhin Vorlesungen und Übungen hielt, war von Eutin aus mit der Bahn gut zu erreichen. In das kulturelle Leben der Provinzstadt war er nach Aufnahme in die Eutiner Literarische Gesellschaft eingebunden, deren Vorsitzender er später fünfzehn Jahre lang war. Seine Ehefrau freute sich, wieder nahe ihrem Geburtsort Kirchnüchel zu leben, manche ihrer Jugendfreunde wohnten inzwischen in Eutin.

Im Frühjahr 1902 reiste Tönnies (mit finanzieller Unterstützung der Universität) nach London und Paris, um weiter nach Hobbes-Manuskripten zu forschen. Dabei fand er erneut Briefe des Philosophen, die noch nicht publiziert waren. Es folgte im Sommer 1903 eine Vortragsreise zu den Hochschul-Ferienkursen in Salzburg. Im Herbst verpflichtete er mit Willy Schlüter einen Privatsekretär (Amanuensis), mit dem er bald wenig Freude hatte. Schlüter war ständig auf Reisen, von denen er eine Vielzahl von Briefen an Tönnies schickte,[17] in denen sich bald dessen „narzisstischer Größenwahn“ zeigte. Schließlich waren es nur noch Bettelbriefe, die vom ehemaligen Gehilfen kamen, der in ständigen Finanznöten war. Tönnies reagierte darauf bis zum Tode Schlüters 1935 mit kleinen Geldzuwendungen.

Am 10. Oktober wurde in Eutin das dritte Kind der Eheleute Tönnies geboren, der Sohn Jan Friedrich. Kurz nach der Geburt des vierten Kindes, der Tochter Carola Theodora Elisabeth am 17. August 1904, machte Tönnies sich auf den Weg nach Amerika. Hugo Münsterberg hatte ihn als Vortragsredner zu einem Kongress im Rahmen der Weltausstellung nach St. Louis eingeladen. Er reiste mit einer großen deutschen Delegation auf dem Schnelldampfer Kaiser Wilhelm der Große, weitere Teilnehmer waren Max und Marianne Weber, Werner Sombart sowie Georg Simmel. Am 21. September hielt Tönnies dort den Vortrag „The Present Problems of Social Structure“. Der wurde in der März-Nummer 1905 des American Journal of Sociology veröffentlicht und Tönnies künftig als Mitherausgeber der Zeitschrift genannt. Während seiner Reise besuchte er auch Chicago, wo an der Universität seit 1892 das von Albion Woodbury Small gegründete, weltweit erste Hochschulinstitut für Soziologie bestand.

In den nächsten Jahre folgten kleinere Reisen, die Fortsetzung der Vorlesungen in Kiel und Arbeit an Publikationen. Am 30. August 1907 kam mit dem Sohn Kuno das fünfte Kind zur Welt. Im September hielt Tönnies auf dem Dritten Internationalen Kongress für Philosophie in Heidelberg Vorträge über die Biographie Hobbes’ und über seine neue Methode zur Vergleichung statistischer Reihen. Während seines Heidelberg-Aufenthaltes wohnte er beim Ehepaar Max und Marianne Weber.

Und am 20. Oktober 1908 starb Friedrich Althoff, der die akademische Karriere Tönnies’ anhaltend blockiert hatte. Wenige Wochen danach, am 31. Dezember, wurde Tönnies zum Außerordentlichen Professor der wirtschaftlichen Staatswissenschaften der Universität Kiel ernannt. Noch vor Beginn des Sommersemesters 1909 wurde daraus ein persönliches Ordinariat (Ordentlicher Honorarprofessor). Die Ernennungen waren mit der Erlaubnis verknüpft, den Wohnsitz im nicht-preußischen Eutin, das Teil des Großherzogtums Oldenburg war, aufrechtzuerhalten.

Professor in Kiel (1908–1916)

Ab dem Sommersemester 1909 hielt Tönnies im regelmäßigen Turnus zwei große Vorlesungen zur Nationalökonomie und lehrte statistische Methoden. Der Etablierung der Soziologie in Deutschland widmete er sich in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Diese als Verein organisierte Fachgesellschaft wurde am 3. Januar in Berlin von 39 Wissenschaftlern gegründet, von denen zu diesem Zeitpunkt keiner hauptamtlicher Soziologe war. Der erste deutsche Lehrstuhl für Soziologie wurde erst zehn Jahre später an der Universität Frankfurt am Main eingerichtet und mit Franz Oppenheimer besetzt. Tönnies wurde zum DGS-Präsidenten gewählt und blieb es bis 1933. Weitere Mitglieder des Gründungsvorstandes waren neben anderen Alfred Ploetz, Georg Simmel, Heinrich Herkner (der bald durch Werner Sombart ersetzt wurde), Alfred Vierkandt und Max Weber. Obschon Tönnies öffentlich deutlich Position in gesellschaftlichen und politischen Fragen bezogen hatte (zum Beispiel im Hamburger Hafenarbeiterstreit) und das auch fortsetzte, besonders mit seinen Publikationen gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus, stand er bei der DGS-Gründung im Werturteilsstreit an der Seite Max Webers, legte die Werturteilsmaxime jedoch nicht als Dogma aus.

Im Juli 1911 nahm Tönnies am Ersten Weltrassenkongreß (First universal Races Congress) in London teil. Die Zusammenkunft hatte das Ziel, „die gegenseitige Kenntnis und Achtung zwischen westlichen und orientalischen Völkern zu fördern.“ Er wollte ursprünglich als offizieller Vertreter der DGS nach London fahren, hatte sich mit dem Vorschlag aber nicht gegen Sombart, Vierkandt und besonders den Rassentheoretiker Ploetz durchsetzen können. Daher trat er als Sekretär für Deutschland auf.

1912 erschienen bedeutsame Zweitauflagen früherer Tönnies-Bücher. „Gemeinschaft und Gesellschaft“, in erster Auflage 1887 mit dem Untertitel Abhandlung des „Communismus und des Socialismus als empirischer Culturformen“, erschien nun mit dem Untertitel „Grundbegriffe der reinen Soziologie“ und war von Tönnies verändert und leicht erweitert worden. Und auch sein Hobbes-Buch, 1896 als „Thomas Hobbes – Leben und Lehre“ publiziert, kam in zweiter Auflage heraus, nun als „Thomas Hobbes. Der Mann und der Denker“.

Im September 1913 gab es eine erneute Veränderung des akademischen Status. Tönnies erhielt das zweite Ordinariat für Staatswissenschaft an der Kieler Universität. Zufrieden war er damit nicht. An Høffding schrieb er 1915: „Diese Stellung entspricht nicht ganz der Idee meiner wissenschaftlichen Absichten.“ Konsequent ließ er sich im Herbst 1916 von seinen Lehrverpflichtungen entbinden und wurde im Alter von 61 Jahren zum Emeritus, um sich ganz der Forschung zu widmen. Fast zeitgleich verlieh ihm das Preußische Staatsministerium den Titel eines Geheimen Regierungsrates. Laut Carstens hatte das „beinahe den Anschein, als wollte man vergangenes Unrecht an der Person Tönnies ein kleines Stückchen wieder gut machen.“
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Geheimrat und freier Publizist (1916–1921

Tönnies’ Sohn Gerrit war im Spätsommer 1916 zum Kriegsdienst einberufen worden und wurde nach kurzer Ausbildung an die Westfront verlegt. Er galt bald als vermisst und kehrte erst 1920 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Während des Krieges hatte Tönnies auf eigene Initiative, zum Teil gemeinsam mit seinem jüngeren Kollegen Cay Baron von Brockdorff, mehrere „neutrale Reisen“ nach Dänemark und Schweden unternommen, um dort „den feindlichen Einflüssen etwas entgegenzusetzen“, wie er in einem Brief an Max Weber ankündigte. Er war von Deutschlands Unschuld zutiefst überzeugt. In diesem Sinne verfasste er von 1915 bis 1922 sechs größere Abhandlungen zur Kriegsschuldfrage. Dennoch, darauf weist Carstens hin, teilte er nie die „hurrapatriotische Unterstützung“ für die Ideen von 1914 anderer Gelehrter, zu denen auch Sombart zählte.

1918 wurde ihm vom Präsidenten des finnischen Senats das Finnische Freiheitskreuz III. Klasse verliehen, weil er sich während seiner Skandinavienreisen und durch Publikationen für die Unabhängigkeit Finnlands eingesetzt hatte. Wegen der Nachkriegswirren konnte ihm die Auszeichnung erst im Januar 1920 von der finnischen Gesandtschaft überreicht werden. 1920 wurde auch die DGS wiederbelebt, deren Aktivitäten während des Weltkrieges geruht hatten.

Nach der Ablösung der Monarchie durch die Republik gehörte Tönnies zur zahlenmäßig kleinen republikanisch-demokratischen Minderheit unter den deutschen Hochschullehrern. Gegenüber den Zielen der Novemberrevolution von 1918/19, deren Beginn er als Augenzeuge des Kieler Matrosenaufstandes erlebte, hatte er dagegen starke Vorbehalte. Im Rahmen einer Gegenwartsdiagnose, die er im Oktober 1922 auf dem Internationalen Soziologischen Kongress in Wien präsentierte, bezeichnete er „proletarische Revolutionen“ als „paradoxe Phase im Gesamtprozess der politischen Revolution der Neuzeit.“ Ihr Ergebnis sei zwar, wie in Deutschland oder Österreich, die Veränderung der Staatsform gewesen, soziologisch gesehen hätte das aber dazu geführt, „die gesellschaftlichen Mächte zu erheben und zu verstärken, denen die proletarische Empörung entgegenwirken wollte und will.“

Lehrbeauftragter für Soziologie in Kiel (1921–1933)

Die angespannte wirtschaftliche Situation zwang Emeritus Tönnies 1921 dazu, das Haus in Eutin zu verkaufen, den Wohnsitz der Familie nach Kiel zu verlegen und zur Verbesserung der Einkünfte das Angebot des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker anzunehmen, im Rahmen eines Lehrauftrages für Soziologie das Fach an der Universität zu installieren. Im November 1921 verlieh ihm die neugegründete Universität Hamburg die Ehrendoktorschaft der Rechte. 1927 kam die Ehrendoktorwürde der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn dazu.

Am 6. Juni 1924 heiratete die Tochter Franziska den Soziologen Rudolf Heberle, der ein Jahr zuvor bei ihrem Vater promoviert hatte und inzwischen an der Universität Königsberg tätig war. Nach einem dreijährigen Forschungsaufenthalt Heberles in den USA kehrte die Familie (inzwischen war der erste Tönnies-Enkel geboren worden) nach Kiel zurück, wo Heberle habilitiert wurde und als Privatdozent lehrte. Die Heberles wohnten in der Parterrewohnung des Hauses, in dem das Ehepaar Tönnies im 2. Stock residierte. 1936 emigrierten sie in die USA.

Der 70. Geburtstag des Geheimrats wurde in Kiel feierlich begangen, 500 Bürger ehrten den Jubilar am Vorabend mit einem Fackelzug, der mit einem Dinner im Institut für Weltwirtschaft, zu dem Bernhard Harms geladen hatte, endete. Am eigentlichen Tag des Geburtstages versammelten sich 200 Freunde und Schüler, um Tönnies mit einem Fest-Kommers zu feiern. Den September verbrachte er im Forscherheim Assenheim des Max zu Solms, um seinen Geburtstag mit Kollegen nachzufeiern. Mehrfach wiederholte Tönnies seine Besuche im Forscherheim, jeweils im Herbst. Das Heim entsprach dem, was sich Tönnies schon vierzig Jahre zuvor als „Philosophische Gemeinde“ gewünscht hatte. Bei seinen Besuchen entstand ein väterlich-freundschaftliches Verhältnis zu Solms.

Er präsidierte bei mehreren Soziologentagen der DGS, hielt regelmäßig Lehrveranstaltungen in Kiel ab und führte seine soziographischen Arbeiten fort. Am 250. Todestag von Thomas Hobbes am 4. Dezember 1929 wurde in Oxford die Internationale Hobbes-Gesellschaft gegründet und Tönnies zum Präsidenten gewählt.

Als 1930 in der Weimarer Republik die Zeit der Präsidialkabinette begann, die nicht von Parlamentsmehrheiten abhängig waren, sondern sich auf das Notverordnungsrecht stützen, traten Ferdinand und Marie Tönnies aus der evangelischen Kirche aus und in die SPD ein. Der Freidenker Tönnies war ohnehin nur aus Rücksicht auf seine Familie Kirchenmitglied gewesen, angesichts des gebrochenen Verhältnisses der evangelisch-lutherischen Kirche zur Weimarer Republik war ihm die Mitgliedschaft unerträglich geworden. Seine parteipolitische Ungebundenheit gab er auf, weil die Republik immer weiter nach rechts driftete. Seine Frau folgte ihm bei beiden Schritten, so Carstens, nicht aus blindem Gehorsam, sondern aus Überzeugung.

1930 begann auch der publizistische Widerstand des 75-Jährigen gegen die politische Entwicklung. Mit der Schrift „Ist es wirklich so schlimm“ rief er zur Wahl der SPD auf. Bald wurde er deutlicher. Mit „Das Flugblatt der Verleumdung. Ein Denkmal der Schmach für den nationalsozialistischen Studentenbund“ prangerte er die studentische Vereinigung an, die den Theologen und Nazigegner Otto Baumgarten diffamiert hatte. 1932 nahm er massiv Partei für die SPD, so im Aufruf „Schleswig-Holsteiner, hört zu!“, der am 29. Juli in der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung (VZ) erschien. Noch mehrfach positionierte er sich in Zeitungsartikeln gegen die Rechtsentwicklung, fürchtete aber eher die Restauration der Monarchie als eine Machtübernahme der Nationalsozialisten. Denen räumte er keine lange Überlebensdauer ein: „Und wenn der Cäsarimsus Mussolinis bald 12 Jahre sich gehalten hat, so würde ein Cäsarimsus Hitlers gewiß keine zwölf Wochen dauern.“ Diese Fehleinschätzung teilte er mit vielen Republikanern. Längst war er mit seinen Publikationen ins Visier der nationalsozialistischen Parteipresse geraten.

Letzte Jahre im Nationalsozialismus (1933–1936)

Adolf Hitler war am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden. Am 19. Februar fand im großen Festsaal der Berliner Krolloper ein Kongress mit dem Titel „Das Freie Wort“ statt, an dem neben dem Organisator Carl von Ossietzky, Harry Graf Kessler, Rudolf Olden, Wolfgang Heine und anderen auch Ferdinand Tönnies teilnahm. Nach einer kritischen Anmerkung Heines über die Nationalsozialisten wurde die Versammlung polizeilich aufgelöst.

Auf dem für Herbst 1933 geplanten 8. Deutschen Soziologentag wollte Tönnies aus Alters- und Gesundheitsgründen vom DGS-Präsidentenamt zurücktreten. Da aber der Soziologentag abgesagt wurde (er fand erst 1946 statt) und sich in Jena inzwischen um Franz Wilhelm Jerusalem und seinen Assistenten Reinhard Höhn eine regimetreue Opposition zur „liberalen“ DGS gebildet hatte, die mit einer Gegengründung drohte, wurde Tönnies im August satzungswidrig als Präsident abgelöst und von einem Drei-Männer-Gremium, bestehend aus dem Präsidenten Werner Sombart, dem Schriftführer Leopold von Wiese und dem Beisitzer Hans Freyer, ersetzt. Dagegen protestierte Tönnies und wurde daraufhin in dieses Gremium kooptiert. Auf einer regulären Mitgliederversammlung im Dezember 1933 in Berlin wurde dann Freyer zum neuen Präsidenten gewählt, der die DGS in den folgenden Jahren stilllegte.

Zu dieser Zeit war Tönnies schon kein Angehöriger der Universität mehr. Mit Bescheid vom 26. September 1933 war er gemäß dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Staatsdienst entlassen worden und hatte kein Einkommen mehr. Erst im Laufe des Jahres 1934 billigte man ihm eine „Minimalpension“ zu, die eher symbolischen Charakter hatte und keinesfalls den Bedarf des täglichen Lebens finanzieren konnte. Obwohl es kein eindeutiges „Publikationsverbot“ für ihn gab, nahm die Zahl seiner Veröffentlichungen rapide ab. Mit der Gleichschaltung der Presse waren die Zeitungen und Zeitschriften, für die er geschrieben hatte, verschwunden. Zudem war nach dem Inkrafttreten des Heimtückegesetzes im Dezember 1934 jeder bedroht, der ein kritisches Wort gegenüber Regierung oder Partei wagte. So war Tönnies die Möglichkeit genommen, den Einkommensverlust durch Publikationshonorare zu kompensieren. In seinem Studierzimmer gab er noch bis 1936 soziologische Privatkurse.

Finanziell und in seiner Wirksamkeit sehr eingeschränkt, gelang es ihm, mit Unterstützung seiner Schüler und Mitarbeiter Eduard Georg Jacoby und Ernst Jurkat 1935 den ersten Teil (der zweite Teil war, obwohl er fast fertig gestellt war, Jahrzehnte verschollen) seines letzten Werkes „Geist der Neuzeit“ fertig zu stellen. Und er fand mit Hans Buske aus Leipzig einen Verleger, der mutig genug war, das Buch zu veröffentlichen. Buske gab im selben Jahr auch die 8. Auflage von „Gemeinschaft und Gesellschaft“ heraus. Und auch die Festschrift zum 80. Geburtstag „Reine und Angewandte Soziologie“, mit der Freunde und Weggefährten das Schaffen Tönnies’ würdigten, wurde von Buske verlegt. Der ließ ein Exemplar davon dem alten Soziologen per Eilboten zukommen, weil er von dessen inzwischen kritischem Gesundheitszustand wusste. Das Buch erreichte den Geehrten am 7. April 1936. Zwei Tage später starb Ferdinand Tönnies. Seine um zehn Jahre jüngere Ehefrau Marie folgte ihm am 19. November 1937. Beider Grab befindet sich auf dem Kieler Eichhof.

Tönnies hatte 1935 verfügt, dass sein Gehirn und Schädel dem Institut für Gehirnforschung in Berlin-Buch übergeben und dort untersucht werden sollte. Das geschah, etwaige Erkenntnisse haben sich nicht erhalten. Erst im Mai 1998 wurden seine wiederentdeckten Gehirnteile im Oldensworter Kellergrab der Familie Tönnies beigesetzt.

Ferdinand und Marie Tönnies hinterließen fünf Kinder, vier davon verließen Deutschland, und fünf Enkelkinder, darunter Sibylle Tönnies, Jan Peter Toennies und Klaus Hinrich Heberle.

Der umfangreiche Tönnies-Nachlass wird von der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel betreut.

Autor: Jürgen Oetting / Quelle